Schick in Strick - warum der traditionelle Stoff alles andere als altmodisch ist

Im Zeitalter der textilen Massenwaren und billigen Kleidung muss niemand seine T-Shirts, Hosen oder Socken mehr selbst herstellen. Was vor einigen Jahrzehnten noch notwendig erschien, ist heute ein Hobby oder ein Luxus für handwerklich geschickte Personen. Doch Stricken ist nicht mehr nur für Großmütter oder ältere Personen geeignet, als Entspannung und abwechslungsreiches Hobby findet es in vielen Generationen Anklang.

Der Begriff „Urban Knitting“bedeutet übersetzt städtisches Stricken und ist seit einigen Jahren in den USA und Europa bekannt. Es gehört zu den Street Art Formen und zeigt das Schmücken urbaner Gegenstände wie Geländer, Ampeln, Laternen oder sogar Bäumen. Mit buntem Garn und Stricknadeln ausgestattet, verschönern so Strickfreunde ganze Stadtviertel mit farbenfrohen Mustern. Doch während Urban Knitting als Spaß, Kunst oder Guerilla Aktion gilt, gehört auch das Stricken von Kleidung zu den Trends, die in den letzten Jahren wieder verstärkt zugenommen haben.


Abbildung 1: Urban Knitting macht vor keinem Objekt in der Stadt halt.

Kleidung aus Strick oder mit Strick-Elementen erinnert viele an die Nachkriegszeit. Schließlich galt es als nicht schicklich, außer Sticken und Stricken und den hausfraulichen Tätigkeiten andere Hobbys zu besitzen, außer vielleicht noch das Musizieren. Deshalb besitzt Stricken bis heute noch den Hauch des Traditionellen, obwohl die Muster, Designs und Outfits mit Strick in keiner Weise altmodisch sein müssen. Besonders die große Vielfalt der Strickmuster und der verschiedenen Arten zu stricken, kann ein Outfit aufpeppen oder ihm des gewisse Etwas verleihen. Strickjacken sind ein beliebtes Accessoire zu jeder Jahreszeit und Pullover aus Strick oder Ringelpullover nicht mehr nur in nordischen Ländern verbreitet. Die eigene Handarbeit erstellt Unikate, die den eigenen Style unterstreichen können.

Der Kreuzanschlag

Stricken bedeutet die Herstellung eines Kleidungsstücks durch die Bildung von Maschen. Zu den einfachsten Maschenanschlägen gehört der Kreuzanschlag. Dafür benötigen die Hobbystricker eine oder zwei Nadeln und ausreichend Wolle. Für den Anfang muss es keine teure Wolle sein, da die ersten Ergebnisse nicht immer sofort passend sind. Wichtig ist es jedoch zu wissen, welches Kleidungsstück angefertigt sein soll, denn je nach Dicke der Wolle entstehen auch gröbere und größere Maschen. Da Anfänger noch Schwierigkeiten mit den Schlaufen und Maschen haben können, sollten sie mittlere bis dickere Wolle auswählen. Mitteldicke Wolle ist ein Allrounder und kann für Mützen oder Eierwärmer dienen. Dickere Wolle eignet sich für größere Textilien wie Schals oder Decken. Dünne Wolle ist eher etwas für geübte Finger, da die Maschen und Schlaufen sehr klein sind.


Abbildung 2: Zu Beginn sollten Anfänger nicht zu aufwändige Produkte stricken.

Stricknadeln gibt es in den Größen zwei bis zwölf Millimeter und diese sollten immer passend zur Wolle gekauft sein, damit die Maschen nicht zu fest geraten. Zu Beginn sind mitteldicke Nadeln bis zu fünf Millimeter optimal. Der Kreuzanschlag ergibt einen elastischen Rand, mit welchem sich viele Muster realisieren lassen. Die Anzahl der Maschen ergibt übertragen die gewünschte Breite des gestrickten Objektes. 

Im ersten Schritt ist die Länge des Fadens auszuwählen, der im Idealfall mindestens dreimal so lang wie das zu strickende Teil breit sein sollte. In der linken Hand liegt nun der Faden, der über Ring- und Mittelfinger hinter den Zeigefinger zu führen ist und anschließend in einer Acht um den Daumen gelegt wird, sodass das Fadenende in der Handfläche liegt. Der überkreuzte Faden unter dem Daumen gibt diesem Anschlag seinen Namen. Mit Ringfinger und kleinem Finger hält der Anfänger das lose Ende fest und sticht anschließend mit der Nadel von unten unter den Faden am Daumen, dreht die Nadel leicht, um den oberen Faden am Zeigefinger durch die Öffnung unterhalb des Daumens zu ziehen. Eine Schlaufe entsteht, die den Anfang der Masche bedeutet.


Abbildung 3: Die persönliche Lieblingshaltung sollte jeder für sich herausfinden.

Diese Bewegung ist solange zu wiederholen, bis die gewünschte Maschenanzahl erreicht ist. Es gibt weitere Möglichkeiten, wie Anfänger den Faden in der linken Hand legen können, einige empfehlen beispielsweise, den Faden hinter der Hand entlang zu führen und zusätzlich am Zeigefinger zu kreuzen. Wichtig ist es dabei, die Maschen gleichmäßig festzuziehen, damit ein regelmäßiges Muster entstehen kann.

Rechte Maschen und linke Maschen

Nachdem der Maschenanschlag fertig gestellt ist, nimmt der Anfänger die Nadel mit den Maschen in die linke Hand und die zweite Nadel in die rechte Hand. Der lange Faden kommt um Ring- und Zeigefinger der linken Hand herum, welche die Nadel festhält. Danach ist die rechte Nadel von unten durch die erste Masche zu stechen und der Anfänger holt mit der bekannten Drehung den oberen Faden des Zeigefingers, um den Faden durch die erste Masche zu ziehen. So liegt die erste Masche auf der rechten Nadel und die erste Reihe entsteht. Anfänger sollten sich einige Anleitungen für Mützen, Schals oder Socken besorgen, damit sie wissen, wie viele Maschen und Reihen sie benötigen. Die erste Reihe ist meist die Rückreihe des späteren Produktes.

Für die linke Masche ist die bekannte Grundhaltung von Faden und Nadel notwendig. Doch beim Stricken müssen die Strickenden die zweite Nadel von oben durch den oberen Faden und die Masche stechen und anschließend mit der Drehung der Nadel den oberen Faden holen und durch die Masche ziehen. Der Faden liegt bei der linken Masche vor der Nadel. So entsteht die erste Reihe mit linken Maschen. Rechte Maschen sind also von unten und linke Maschen von oben zu stricken.

Wer abwechselnd rechte und linke Maschen strickt, erhält ein glattes Strickmuster. Mit nur einer Maschenart gibt es ein gröberes Muster, das besonders bei Schals sehr beliebt ist. Wer beide Strickweisen beherrscht, kann sehr viele unterschiedliche Muster stricken und Strickvarianten auswählen.

Stylische Strickmuster

Für den Anfang sind Mützen und Schals die ersten Muster, die Anfänger gut gestalten können. Doch eine einfache Wollmütze kann deutlich mehr Pepp erhalten, wenn sie in der Beanie-Form gestrickt ist. Beanies sind seit einigen Jahren nicht mehr aus den kalten Jahreszeiten wegzudenken. Sie ähneln den klassischen Bommelmützen, besitzen jedoch meist keinen Bommel und sind auf die Kopfformangepasst. Deshalb kann jeder mit seinem eigenen Beanie eine ganz individuelle Note setzen.

Wer einen Beanie herstellen möchte, benötigt dafür dicke Wollsorten, damit es im Winter nicht zu kalt wird und der Strickvorgang einfach zu handhaben ist. Zunächst sind die Kopfmaße zu ermitteln, anhand derer die Maschenanzahl zu berechnen ist. Einige Strickerinnen empfehlen eine Maschenprobe, mit deren Hilfe die notwendigen Maschen gut zu erkennen sind. Dafür stricken sie zunächst 20 Maschen mit ungefähr fünf Zentimetern Höhe. Nun ist die Maschenanzahl pro Zentimeter zu messen und mit einem einfachen Dreisatz sind die erforderlichen Maschen gut berechnet.


Abbildung 4: Beanies sind im Herbst, Winter und Frühling ein peppiges Accessoire.

Das Bündchen können Anfänger mit einem Rippenmuster stricken. Das Prinzip dabei liegt bei zwei Maschen rechts und zwei Maschen links in der ersten Reihe, danach folgt der Strickende dem vorliegenden Muster. Das bedeutet, wenn eine Masche rechts liegt, sie als rechte Masche zu stricken ist und umgekehrt.

Um den gewünschten Mützeneffekt zu erhalten, müssen Maschen zwischendurch abgenommen sein. Bei 100 Maschen sollte der Anfänger beispielsweise nach jeder zehnten Masche eine abstricken. Das bewirkt, dass die Mütze nach oben hin schmaler wird. Dafür gibt es ebenfalls unterschiedliche Methoden. Zum Beispiel sind sie rechts zusammen zu stricken, in dem der Anfänger von links nach rechts in zwei Maschen zugleich einsticht und sie rechts weiterstrickt. Wer möchte, kann ein elastisches Band in das Bündchen des Beanies einstricken, um der Mütze noch mehr Halt geben zu können.

Unterschiedliche Strickmuster für Beanies gibt es beispielsweise auf dieser Seite.

Doch nicht nur Beanies und Schals gehören zu den Strick-Trends der letzten Jahre. Der Cardigan erlebt seine Renaissance und ist besonders als Strickobjekt sehr beliebt. Varianten mit V-Ausschnitt wirken sehr elegant und passen zu Kleidern und zu legeren Outfits. Long-Cardigans sind gut für Frauen, die ein paar Problemzonen kaschieren möchten. Kombiniert mit bunten T-Shirts oder Kleidern, kommen so Eleganz und Gemütlichkeit zusammen.

Wer nicht nur einen einfachen Überzug haben möchte, kann seine Cardigans mit Stickereien, Knöpfen oder Label-Patches verzieren.


Abbildung 5: Mit unterschiedlichen Mustern entstehen interessante Farbspiele.

Wer sich selbst einen Cardigan stricken möchte, braucht ein wenig Übung und viel Geduld.

Für eine besonders schöne Optik sollten sich Anfänger und Fortgeschrittene das Jacquardmuster, Fair-Isle oder Norwegermuster ansehen und verwenden. Mit diesen Mustern lassen sich zweifarbige Designs erstellen, die jeden Cardigan aufwerten. Dafür führt der Anfänger den Faden, der nicht immer in Benutzung ist, als Spannfaden mit. Beide Fäden liegen in der linken Hand und je nach Zählmuster kommen die bestimmten Farben in bestimmten, abgezählten Maschen zum Einsatz.

Strickkleider sind aufwendiger in der Herstellung, doch das Grundmuster besteht aus rechts gestrickten Hinreihen und links gestrickten Rückreihen. Das Bündchen kann im Rippenmuster gestrickt sein. Tolle Hingucker sind aufgestickte Pailetten, Knöpfe und Taschen. Für Frauen mit etwas mehr Körperfülle sind feine Strickmaschen vorteilhafter und ein passender Taillengürtel rundet das Bild ab. Weitere frische Trends sind Neckholder-Tops oder lässige Überzieher, wie Spitzenponchos, die nahezu zu jedem Outfit passen.

Wichtige Tipps

Stricken erfordert ein wenig Übung und vor allem viel Geduld, besonders, bei einer gleichmäßigen Maschendichte. Wer sich Wolle und Stricknadeln besorgt, kann bei der Wolle auf die Banderole blicken, denn dort gibt es meist die ersten Hinweise darauf, welche Nadelstärke zu verwenden ist und welche Garnstärke vorliegt. Hilfreich sind auch die Angaben der Lauflänge in Metern und in einigen Fällen ist sogar eine Maschenprobe zur Orientierung angegeben. Da jede strickende Person einen eigenen Stil hat, ist eine eigene Maschenprobe jedoch oft unerlässlich für eine genaue Berechnung von Wolle und Maschenanzahl.

Für den Anfang sollten sich alle Neulinge Zeit nehmen und nicht zu viel auf einmal stricken, denn die ungewohnten Bewegungen können auf Dauer zu Krämpfen und Schmerzen führen. Ist die Haltung unbequem, sollte sie gewechselt werden. Zunächst werden Anfänger noch viel auf die Maschen und den Vorgang blicken, doch im Laufe der Übungen kann das Stricken auch ohne Handbeobachtung ablaufen. Einsteiger-Sets und Strick-Kurse sind eine gute Möglichkeit, den beliebten Trend für sich selbst zu entdecken.

Ein Blick in die aktuellen Modekollektionen kann darüber hinaus helfen, passende Kleidungsstücke für sich selbst oder als Inspiration für die eigenen Strickarbeiten zu finden.

Videos im Internet sind darüber hinaus sehr hilfreiche Tutorials für Einsteiger, wie in diesem Beispiel:

https://www.youtube.com/watch?v=bNF6MykvQm4

Bildquellen:
Abbildung 1: Wikimedia.commons.org © An-d(CC BY-SA 3.0)
Abbildung 2: Pixabay.com © stux (CC0 1.0)
Abbildung 3: Wikimedia.commons.org © Johntex(CC BY-SA 3.0)
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